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Markus Stockhausen – Der Glanz der Freiheit

 
Kritik aus: JAZZTHING, 1. Jan. 2001


JAZZTHING

Markus Stockhausen – Der Glanz der Freiheit 

von Ralf Dombrowski

Der Glanz der Freiheit. Es kann sein, dass man sich wundert, Nicht nur über den einzigartigen Ton und die Extravagante Linienführung der Trompete, sondern auch über den Interpreten selbst. Denn Markus Stockhausen widersetzt sich den gängigen Klischees, verweigert sich vordergründiger Geläufigkeit, ästhetischer Beschränktheit. Das macht ihn zu einem der gefragtesten Instrumentalisten seines Fachs – über die Gattungsgrenzen von Jazz und zeitgenössischer Klassik hinweg. Und zu einer stilistisch unberechenbaren Persönlichkeit, die kontinuierlich zu überraschen vermag.

Natürlich gibt es den berühmten Vater. Seit Jahren wird Markus Stockhausen mit steter Regelmäßigkeit auf ihn angesprochen. Wie das Verhältnis sei; ob es belaste, einen bekannten Namen zu tragen; was ihn am meisten beeindruckt habe und so weiter. Am Anfang war es durchaus ein Problem am Maßstab des übermächtigen Karlheinz gemessen zu werden. Doch die Perspektiven haben sich verschoben. So wird der alte Herr schon lange nicht mehr nur als der Messias der akustischen Moderne verehrt, sondern von Technofreaks ebenso zitiert wie von DJs remixt. Und so hat auch Markus Stockhausen einen Weg zur künstlerischen Identität gefunden, der die familiären Besonderheiten ohne Vorbehalte in die eigene Ideenwelt integriert. „Ich bin jetzt seit rund 25 Jahren professioneller Musiker. Das Thema ‚Vater und Sohn’ ist dabei für mich in lebendiger Bewegung. Es war für mich eine große Chance, mit ihm schon in jungen Jahren zu arbeiten, denn er ist einfach ein genialer Komponist. Ich kenne sonst niemanden, der ähnlich viel musikalisch komplexes und verschiedenes Material erfunden hat. Er ist ein Generator, ein Schöpfer von neuen akustischen Formen, was ich als Sohn natürlich hautnah mitbekommen habe. Ich bin dadurch auch geprägt worden besonders in meinem Anspruch an Perfektion, an musikalische Offenheit.“

Gerade das macht den Reiz und die Spannung seiner klangästhetischen Vorstellungen aus. Markus Stockhausen entwickelte ein sensibles Gespür für die Bedeutung einer Melodie vor dem Hintergrund der Struktur. Das ermöglichte es ihm als einem von wenigen, die zuweilen haarsträubend komplexen Kompositionen seines Vaters umzusetzen. Nachdem er sich als junger Mann — im Anschluss an die gemeinsamen Anfänge — mit dem gestrengen Karlheinz eine Zeit lang überworfen hatte, folgte im Zuge der vom Namen unabhängigen Karriere als klassischer und jazzbeeinflusster lnstrumentalist ab Ende der Achtziger die Wiederannäherung. Vater und Sohn gestalteten 1992 zusammen die Oper „DIENSTAG aus LICHT“, die am Leipziger Opernhaus vom Publikum gefeiert wurde. Man kann die beiden seit fünf Jahren auch bei der Sommerkursen in Kürten östlich von Köln zusammen auf Workshops und Konzerten erleben. Es entstanden gemeinsame Projekte gleichberechtigter Partner, die vor ungewöhnlicher Energie getragen werden.

Ein Beispiel für das beeindruckende Zusammenwirken von Vater und Sohn ist „In Freundschaft“, eine 1977 ursprünglich für die Klarinettistin Suzanne Stephens entstandene Komposition. Es dauerte 20 Jahre, bis sich Markus Stockhausen auf der CD „Stockhausen Plays Stockhausen“ (1998) daran wagte, das komplizierte Solo-Stück auf seinem Instrument umzusetzen. Er hatte sich dafür eine Es-Trompete mit speziellem Quart-Ventil bauen lassen, die es ihm erlaubte, den großen Tonumfang und die raschen Lagenwechsel zu bewältigen. Was da auf ihn zukam, ahnt man beim Blick auf die lnterpretationsanweisung (siehe Seitenfuß). Doch er hat das Stück zu seinem gemacht. „In Freundschaft“ ist die hohe Kunst der Interpretation — und zugleich nur eine Facette zeitgenössischen Musizierens.

Komprovisation

Markus Stockhausen wurde im Mai 1957 in Köln geboren. Er bekam mit sechs Jahren Klavierunterricht, mit zwölf gesellte sich die Trompete dazu. Noch während er auf dem Körner Musikgymnasium die Schulbank drückte, nahm er an Jazzseminaren der Rheinischen Musikschule und der Akademie Remscheid teil. Er genoss den Unterricht bei Manfred Schoof und bekam bereits als 17jähriger Teenager erste Kompositionen von seinem Vater auf den Leib geschrieben. 1981 qewann er den Preis des deutschen Musikwettbewerbs und avancierte zum gefragten klassischen Solisten für zeitgenössische Musik. Gleichzeitig lärmte er in Rockcombos und Jazzbands, experimentierte an der Seite von Rainer Brüninghaus und Jasper van‘t Hof, spielte mit Mark Nauseef und Gary Peacock. Außerdem fand er sich mit seinem zehn Jahre jüngeren Bruder Simon zusammen, dessen Gespür für elektronische Klanggestaltung ihn inspirierte. Eines der anspruchsvollen gemeinsamen Werke ist das Epos „Possible Worlds“, das sich zwischen 1993 und 1995 in mehreren Durchgängen entwickelte. Die Idee war, Spontaneität und Festlegung zu kombinieren. Ein einstündiger Basistrack wurde zunächst frei improvisiert, alle zusätzlichen Klangergänzungen aber waren ausgeschrieben. Es entstand ein Mittelding der „Komprovisation“, Musik zwischen den Stühlen, die aus verschiedenen Perspektiven gedeutet werden konnte.

Das Experiment ging in eine Richtung, die Stockhausen nachhaltig in Beschlag nehmen sollte. Er suchte die Besonderheit des Augenblicks, des schöpferisch Unmittelbaren, das sich ihm mit zunehmender Kompetenz am Instrument und wachsendem Horizont der Wahrnehmung offenbarte. Er fand sie bei zahlreichen Musikern, die ihn in ihre Klangräume einbezogen, und in eigenen Projekten, die ihn in unterschiedliche stilistische Lager führten. Michel Portal etwa, der europäische Ahnherr anspruchsvoller Grenzüberschreitung, lud ihn ein, sich ihm für „Dockings“ anzuschließen. Mit dessen Landsmann, dem Pianisten Antoine Hervé arbeitete der Trompeter mehrere Jahre hinweg und ist auf „Invention Is You“ mit einen Quintett-Konzert aus dem Pariser Duc des Lombards zu hören. Auch Michael Riessler bestand für die Umsetzung von „Honig und Asche“ auf seinem unverkennbar klaren Ton. Drei Beispiele von vielen, die Stockhausen an sehr unterschiedliche Orte musikalischer Kreativität führten. Die Projekte kamen ihm entgegen, denn sie verbanden sich mit seiner eigenen Vorstellung von unvoreingenommener Gestaltung. „Ich spiele mit vielen meiner musikalischen Partner keinen klassischen Jazz nach der Art: Hier ist das Thema, da ist die Improvisation darüber, mit klarem rhythmischen und harmonischen Konzept. Bei den meisten Projekten verändert sich die Musik ständig. Sie geht mal von einer Klangidee, einem Motiv, einem rhythmischen Muster aus, mal von umfassenden Systemen. Das sammelt sich alles über die Jahre hinweg an, ohne dass ich dabei einem besonderen Ziel folgte. Vor einiger Zeit zum Beispiel habe ich mich nach dem Frühstück hingesetzt und eine Melodie notiert, die mir nach der Begegnung mit einem Menschen im Kopf geblieben war. Ich habe sie dann später in Ruhe am Klavier harmonisiert und es dauerte eine ganze Weile, bis jeder Akkord etwas wiedergab, von dem ich am Anfang gar nicht wusste, dass es in ihm steckte. Insofern hin ich Melodiker, der sich erst eine Tonfolge ausdenkt und sie später bearbeitet. Bei den größeren Kompositionen allerdings stehen zunächst die strukturellen Erwägungen im Vordergrund, zum Beispiel bei Werken wie ‚Jubilee‘, einer Auftragskomposition für das zehnjährige Bestehen der Kölner Philharmonie. DamaIs versammelten sich über 100.000 Leute unter freiem Himmel, um das Spektakel zu sehen. Da mussten Simon und ich ganz klar überlegen: Erst kommt diese Phase, dann das Lichtmedium, die Tänzer, die Big Band et cetera. Nichtsdestotrotz sehe ich mich nicht so sehr als Komponist, sondern in erster Linie als Spieler, als lmprovisator und lnterpreten.“

Dhafer, Ferenc und die anderen

Es ist bezeichnend für Markus Stockhausens Neugier, dass sein musikalischer Horizont nicht an der Grenze europäischer Klanggewohnheiten endet. Zu den vielen Künstlern, die im Laufe der Zeit mit ihm in Kontakt kamen, gehört auch der tunesische Sänger und Oud-Spieler Dhafer Youssef. Als kultureller Vagabund über Graz nach Wien gekommen, erspielte er sich als Theatermusiker an der Seite des Geigers Anton Burger seine ersten Meriten. Im Winter 1997 bekam Youssef im Jazzclub Porgy & Bess die Möglichkeit, acht Abende nach seiner Wahl zu gestalten. Er fragte auch Markus Stockhausen, und der sagte zu. Die Probe für das Konzert fand hei Youssef in der Wohnung statt und war zugleich ein Sinnbild ihres musikalischen Verhältnisses. Stockhausen kam, setzte sich seinem Gastgeber gegenüber auf den Boden in den Schneidersitz und begann mit ihm zu improvisieren. Nach mehreren Stunden hörten sie auf, erwacht wie aus einer Trance und beide waren sich sicher, dass sie sich gemeinsam auf die Bühne stellen konnten. Als Dhafer Youssef bald darauf die Möglichkeit bekam, seine pankulturellen Visionen auf CD zu bannen war wieder Stockhausen an seiner Seite. Es wurde eine ungewöhnliche Aufnahme voll musikalischer Intensität, die beide Seiten faszinierte. „Ich glaube, in jeder menschlichen und künstlerischen Kombination ergibt sich eine bestimmte Sprache, Ästhetik und ein spezieller Anspruch. Er ist geprägt davon, was die einzelnen Persönlichkeiten mitbringen. Wenn ich mit Dhafer spiele, dann muss ich einen Teil meines musikalischen Denkens einfach ausschalten, denn seine Lieder bestehen zu 99 Prozent aus modaler Improvisation. Da gibt es kaum einen Harmoniewechsel, meistens ist alles auf C oder D. Das bezieht sich auf die Stimmung seiner Laute, doch es gibt zugleich so viele andere Aspekte, die mit einem Mal interessant werden und mich faszinieren. Es wundert mich selbst, dass ich mich manchmal wie ein Chamäleon durch verschiedene klingende Kosmen bewegen kann. Und ich entdecke dann immer wieder, dass es alles Aspekte sind, die in mir ruhen und entweder geweckt oder wiederbelebt werden wollen.“

Tatsächlich hat sich während der vergangenen Jahre Stockhausens Ausdrucksspektrum gewandelt. Mit Arild Andersen, Patrice Héral und Terje Rypdal hat er die dunklen, sperrigen, dann wieder wild eruptiven Klangräume von „Karta“ entworfen. Zuweilen ist er mit dem Gitarristen Ferenc Snétberger in einem inspirierten, weil auf kontrastreichen stilistischen Erfahrungen basierenden Duo unterwegs. Er spielt Konzerte mit Fabrizio Ottaviucci am Klavier, Enrique Diaz am Kontrabass oder der irischen Sängerin Noirin Ni Riain. Oder er experimentiert als Solist, der nur mit Trompete und Flügelhorn der Weite des akustischen Empfindens auf die Spur kommen will. Allen Projekten gemeinsam ist das Bedürfnis, sich nicht einengen zu lassen. Ob „Solo I“‚ „Karta“ oder das in der Kölner Kirche St. Maternus aufgenommene Album „In Deiner Nähe“ – es ist die Lust am Raum, an der Entfaltung von Klängen und der Gestaltung von ruhig-erhabenen Passagen, die Stockhausen zu immer neuen Variationen der Themen Offenheit, Gefühlstiefe, Intensität anspornt. Damit verweigert er sich auf ein Neues dem gängigen Wirkungsanspruch einer Jazzästhetik, die den Vordergrund, das „Hippe“ favorisiert. „Für mich war es im Fall von ‚In Deiner Nähe‘ wichtig, mit Musikern zu arbeiten, bei denen ich eine spezielle spirituelle Gemeinsamkeit empfinde. Gerade wenn man vergleichsweise frei und ohne Rhythmusgruppe spielt, ist es die Grundlage der Zusammenarbeit. ‚In Deiner Nähe‘ sind Aufnahmen einer Konzertreihe, die ich allmonatlich in St. Maternus sowohl allein als auch im Duo eben mit solchen Freunden gebe. Es ist eine von außen unscheinbare Kirche mit einem schönen, akustisch hervorragenden Innenraum, in dem die Trompete wunderbar klingt. Und es ist das Sakrale, Spirituelle der Umgebung, das in besonderer Weise der Musik zugute kommt.“

Nähe und Distanz, Bedeutung und Gelassenheit, Konzentration und Entspannung. Stockhausens musikalische Visionen folgen grundsätzlichen Konstellationen des künstlerischen Ausdrucks. Sie entfernen sich immer deutlicher vom Mainstream der Klangdeutung, suchen nach Verbindungen, die gleichermaßen im Musikalischen wie im Menschlichen begründet sind. Das macht sie stellenweise rätselhaft und wie jede spirituell geprägte Erfahrung individuell und zugleich frei. Das hebt sie aber auch aus dem Einerlei des Höralltags heraus. Seine Musik ist seine Person von frühen Erfolgen wie „Strahlenspur“ an der Seite von Rainer Brüninghaus bis „In Deiner Nähe“. Wer sie wahrnehmen will, muss das akzeptieren. Und wird mit einem Leuchten belohnt, das die Seele wärmt.


Zusatzinformation "In Freundschaft":

In Freundschaft ist dreischichtig komponiert — als horizontale Polyphonie- und verlangt eine besondere Kunst des Hörens. Am Anfang steht die Formal, aus der das ganze Stück komponiert ist. Sie hat fünf Glieder, durch Pausen getrennt. Aus dem letzten Intervall des fünften Gliedes, der kleinen Sekunde, entsteht durch allmähliche Beschleunigung ein Triller in der Mittellage, der die ganze Komposition als Orientierungslinie bestimmen wird. Dann setzt die Formel dreischichtig ein: die Glieder einer hohen, leisen, ruhigen Schicht und einer tiefen, starken‚ schnellen Schicht alternieren um Segmente des Trillers herum, die man als Mittelschicht hört und auf die sich alle Töne beziehen. Wer gut hört, wird entdecken, dass die hohe und tiefe Schicht zeitliche und räumliche Spiegelungen voneinander sind. Sie bewegen sich in sieben Stadien chromatisch aufeinander zu, tauschen ihre Glieder aus und vereinigen sich zu einer kontinuierlichen Melodie.

Der Prozess bricht zweimal in enthusiastische Kadenzen auf: das erste Mal „frei“ nach dem dritten Stadium, das zweite Mal „vehement – glücklich“ nach dem sechsten Stadium. An manchen Stellen wird das Tempo so verlangsamt oder eine Tonkonstellation so rasch repetiert, dass man in feinste Details der Formel hineinhören kann und klangliche Schönheit die Entwicklung der Formel für einen Moment vergessen macht. Klare Unterscheidung, Beziehung zu einer gemeinsamen konstanten Mitte, Austausch, Annäherung, Bewegung der lebendigen, steigenden Elemente zum Schluss der Formel hin: In Freundschaft. (Karlheinz Stockhausen, Booklet zu „Markus Stockhausen Plays Karlheinz Stockhausen“, S. 8-9)

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