Die innere Stimme hören Komponisten
Review from: FONO FORUM 03/05, 12 Feb 2005
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Komponisten
Die innere Stimme hören
by Dr. Jörg Hillebrand
Er wohnt etwa so weit vom Kölner Dom entfernt wie sein Vater – nur ziemlich genau auf der anderen Seite:
Während Karlheinz Stockhausen sich im Bergischen geradezu verschanzt, lebt sein Sohn Markus auf einem Bauernhof in der offenen Ebene der Voreifel. Äußeres Zeichen einer inneren Distanzierung?
In den ersten vier Jahrzehnten war Markus Stockhausens Laufbahn eng an die seines Vaters gebunden. Schon als vierjähriger Knabe, 1961, trat er in seinem Theaterstück „Originale“ auf, schon während des Trompetenstudiums an der Musikhochschule Köln wirkte er in seinen Ensembles mit. Später widmete Karlheinz Stockhausen ihm eine ganze Reihe von Solopartien, und er war maßgeblich an Entstehung und Uraufführung einzelner Teile des „Licht“-Zyklus beteiligt.
Seit einigen Jahren erst konzertiert er nicht mehr mit seinem Vater, und seitdem hat sich der Komponist Markus Stockhausen freigeschwommen. Zuvor hatte er 1991 und 1996 gemeinsam mit seinem Bruder Simon die Auftragskompositionen zum fünf- und zehnjährigen Bestehen der Kölner Philharmonie geliefert, deren letztere ebenso bei EMI veröffentlicht wurde wie die Bühnenmusik zu einer Bonner Dramatisierung von Bölls „Ansichten eines Clowns“. Jetzt komponiert Markus Stockhausen allein, und in jüngster Zeit sind drei ganz unterschiedliche Werke entstanden, die seine schöpferische Bandbreite demonstrieren.
Da ist zunächst „Ascent and Pause“ für Trompete und Streichorchester, das Stockhausen selbst mit dem Orchestra d’Archi Italiana in Rom uraufgeführt hat und das deutlich zeigt, dass er seit seiner Jugend immer auch als Jazzer aktiv war, bei Manfred Schoof studiert, mit Jasper van t’Hof, Gary Peacock und Enrique Diaz gespielt hat. Improvisatorisch legt sich die Trompete, die mit Piccolo und Flügelhorn alterniert, auf einen Streicherteppich in funktionaler, durch Septen und Nonen angereicherter Jazz-Harmonik. Und wenn ostinate Rhythmen auftauchen, fängt die ganze Kiste an zu swingen.
Das gilt auch für „Choral“,„Sehnsucht“ und „Sonnenaufgang“, drei Stücke für Jazz-Trio, bestehend aus Trompete, Bass und Schlagzeug, und Orchester, entstanden im Auftrag von Bergischen Symphonikern und Musikkollegium Winterthur.
Hier spielen allerdings auch neoklassizistische respektive -barocke Elemente eine große Rolle, etwa der formale Rückbezug auf Concerto grosso oder Passacaglia.
Eine ganz andere, Jazz-freie, atonale Sprache spricht „Portrait for Tara“ für Bassethorn und Ensemble. Rhapsodischrezitativisch erhebt sich das Soloinstrument aus Liegetönen, die kein Puls belebt, Mezzoforte ist die maximale Dynamik. Der Titel meint Stockhausens Frau, die Klarinettistin Tara Bouman, die das Werk mit der London Sinfonietta uraufgeführt hat.
Seit fünf Jahren hat Stockhausen eine eigene Konzertreihe in der Kölner Südstadtkirche St. Maternus, die zu diesem Anlass von seinem Agenten Rolf Zavelberg mit Bildern und Lichtinstallationen geschmückt wird. Neben auskomponierter erklingt hier auch frei improvisierte Musik. Intuitive Musik nennt Stockhausen sie und rekurriert damit auf einen Begriff, den sein Vater in den sechziger Jahren geprägt hat. In einer Zeit der persönlichen Neufindung schrieb dieser damals die Textzyklen „Aus den sieben Tagen“ und „Für kommende Zeiten“, die er als musikalische Vortragsanweisungen verstanden wissen wollte, teils relativ konkret, teils den Ausführenden mehr Freiheit lassend. Die daraus entstehende Musik sollte intuitiv gespielt werden.
Bei Markus Stockhausen gibt es keine Texte.„Es gibt nur das Hören“, sagt er.„Intuition im eigentlichen Sinne. Man versucht, möglichst leer zu sein, möglichst konzentriert, und spielt, was man innerlich hört.“ Diese Verbindung mit der inneren Stimme, die im normalen Leben nur allzu oft unterbrochen ist und die durch Meditation befördert wird, versetze denjenigen, dem sie gelingt, in einen „Zustand des Nichtzweifelns und des Loslassens“, in dem er „Zeit und Raum hinter sich lassen“ könne.„Man bekommt plötzlich dieses Glücksgefühl der Freiheit. Da gibt es keine Angst und keine Sorgen mehr. Dieses Glück kann auch auf anderen Ebenen erlebt werden: Ihr Kind kommt angelaufen und lacht. Sie sehen eine Zehntelsekunde ein Bild, und in diesem Bild ist alles enthalten. Ein Erfülltsein, ein ganz tiefes Berührtsein, ein Verbundensein mit dem Wesentlichen. Solche Momente gibt es auch in der Musik immer wieder.Alles kommt in Einklang, und man weiß: Darum mache ich das.“
Um diesen Zustand über ein Musikinstrument zu transportieren, braucht es freilich auch eine so unendlich souveräne, sich über alle physischen Hindernisse erhebende Spieltechnik, wie sie Stockhausen zu Eigen ist. Und Mitspieler, die vom gleichen Geist der Selbstfindung beseelt und in der Lage sind, diese in Kommunikation umzusetzen. „Miteinander Musik machen“, glaubt Stockhausen,„ist wie das Intimste, was man aus der Privatsphäre kennt. Gerade wenn man miteinander improvisiert, offenbart sich der ganze Mensch, und man ist sich sehr nahe. Viele scheuen diese Nähe, haben Angst, sich so zu öffnen, aber für die, die es wagen, ist es einfach beglückend. Das ist eine andere Form von Liebe.“
Zu seinem „Klangvisionen“-Festival im März, das acht Konzerte umfassen wird, davon eines für Kinder, hat Stockhausen Gastmusiker aus ganz unterschiedlichen Kulturen eingeladen, die alle ihren jeweils eigenen Zugang zur „Quelle“ gefunden haben. Begleitende Workshops in der Kölner Musikhochschule sollen interessierten Sängern und Instrumentalisten den Weg dorthin weisen. Folgen Sie diesem Weg! Aktiv oder passiv.
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